Was Hochzeiten und Change-Prozesse gemeinsam haben.
Rückblickend glaube ich, dass ich meinen ersten Change-Prozess nicht in einem Unternehmen erlebt habe, sondern auf einer Hochzeit.
Eigentlich hätte alles ganz einfach sein sollen. Eine Hochzeitsplanerin, ein Schloss, ein professionelles Team und mittendrin eine mehrstöckige Hochzeitstorte, die ich vor Ort fertigstellen sollte.
Versprochen war eine Küche. Tatsächlich führte man mich in einen wunderschönen Freskensaal, der zwar mit Stuck und barocken Engelchen zu beeindrucken wusste, jedoch jegliche gastronomische Ausstattung entbehrte. Als Arbeitsfläche wurde ein Heurigentisch hereingetragen, Strom gab es über eine einzige Steckdose, und für die Torte war weit und breit kein Kühlschrank zu sehen. Der Caterer war nach ein wenig Überredung schließlich bereit, seine Getränke aus dem Kühlschrank zu räumen und so Platz für die Torte zu schaffen. Problem Nummer eins war gelöst.
Wenn alles aus dem Ruder läuft…
Dann zog draußen ein Unwetter auf, wie ich es selten erlebt habe. Sturm, Regen, Wind. Während die Gäste versuchten, halbwegs trocken in die Location zu gelangen, begann mein Zuckerschnee – für die Hobbybäcker unter den Leser:innen: Meringue – langsam das zu tun, was Zucker bei Feuchtigkeit nun einmal zu tun pflegt: Er beschloss, eigene Wege zu gehen.
Die Hochzeitsplanerin war mittlerweile den Tränen näher als jeder Lösung. Wobei „Hochzeitsplanerin“ vielleicht ein zu großes Wort ist. Es stellte sich heraus, dass sie eigentlich die beste Freundin der Braut war und diesen Job zum ersten Mal machte.
Der Zeitplan geriet immer weiter ins Wanken. Der Tortenanschnitt verschob sich. Der Fotograf wurde nervös, weil langsam das Licht verschwand. Die Band wartete auf ihren Einsatz. Der Caterer brauchte seinen Kühlschrank zurück. Und irgendwann war plötzlich auch noch die Braut verschwunden. Wer schon einmal auf einer österreichischen Hochzeit war, weiß: Wahrscheinlich wurde sie entführt.
Spätestens an diesem Punkt hätte alles auseinanderfallen können. Tat es aber nicht.
Im Gegenteil. Je chaotischer die Situation wurde, desto selbstverständlicher begannen alle, über ihren eigenen Aufgabenbereich hinauszudenken. Der Caterer schuf Platz im Kühlschrank, der Fotograf stellte sich auf den neuen Zeitplan ein, die Band improvisierte, und ich versuchte, die Torte irgendwie vor der Schwerkraft zu retten. Niemand wartete darauf, dass jemand anderer die Situation in den Griff bekam. Jeder löste das Problem, das gerade vor ihm lag.
Heute würde man dieses Verhalten als Agilität bezeichnen. Damals hatte dieses Wort jedoch noch niemand auf der Zunge. Ich habe nur beobachtet, dass Verantwortung ständig den Besitzer wechselte – immer dorthin, wo sie gerade gebraucht wurde.
„Dafür bin ich nicht zuständig.“
Jahre später begleite ich Unternehmen in Veränderungsprozessen. Und eines fällt mir dabei immer wieder auf: Solange alles nach Plan läuft, funktioniert Zusammenarbeit oft erstaunlich gut. Erst wenn Pläne scheitern, Zuständigkeiten verschwimmen und Entscheidungen unter Druck getroffen werden müssen, zeigt sich, wie belastbar sie wirklich ist. Dann höre ich manchmal Sätze wie: „Dafür bin ich nicht zuständig.“ „Das fällt nicht in meinen Verantwortungsbereich.“ Oder: „Da müssen wir erst auf die Entscheidung von Bereich XY warten.“
Und jedes Mal muss ich an diese Hochzeit denken.
„Entscheidend ist nicht, ob ein Plan scheitert. Entscheidend ist, was Menschen dann tun“
Christina Krug
Vielleicht spielt Zusammenarbeit deshalb gerade in Veränderungsprozessen eine so große Rolle. Denn kein Veränderungsprozess verläuft exakt nach Plan. Entscheidend ist nicht, ob ein Plan scheitert. Entscheidend ist, was Menschen dann tun.
Damals ging es um eine Hochzeit. Heute geht es um Unternehmen. Der Unterschied ist kleiner, als man glauben möchte. Vielleicht sogar kleiner, als mir damals bewusst war.

