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Christina Krug

Von Disney-Prinzessinnen und Kinderaugen

Als ich noch meine Konditorei und mein Café führte, ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen.

Besonders Frauen, die in Konzernen oder anderen Wissensberufen arbeiteten, sahen mich manchmal an, als wäre ich eine Disney-Prinzessin. Mit diesem leicht verträumten Blick, den Kinder bekommen, wenn sie zum ersten Mal vor einem Christkindlmarkt-Karussell stehen.

„Ach“, sagten sie dann. „Das ist mein Traum.“ Ein eigenes Café. Torten backen. Mit den Händen arbeiten. Etwas Schönes schaffen.

Die Sehnsucht nach sichtbarer Wirksamkeit

Damals habe ich das gut verstanden. Schließlich hatte ich mir diesen Traum selbst erfüllt. Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie sich gar nicht nach Torten sehnten. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass das ein Frauenthema ist. In Gesprächen mit Führungskräften, Unternehmern und Projektleitern begegnet mir dieses Gefühl genauso häufig. Nur wird es dort selten so ausgesprochen.

Viele Menschen sehnen sich nicht nach Handwerk. Sie sehnen sich nach sichtbarer Wirksamkeit. Nach dem guten Gefühl, am Ende eines Arbeitstages auf etwas zeigen und sagen zu können: Das habe ich heute geschaffen.


Zwischen Backstube und Bildschirm

Ich kenne beide Welten. Bevor ich Konditorin wurde, habe ich viele Jahre in einer großen Organisation gearbeitet. Tage, an denen ich Datenbanken überarbeitet, Konzepte entwickelt oder Präsentationen erstellt habe. Ich war am Abend genauso müde wie später in der Backstube. Nur wenn mich damals jemand gefragt hätte, was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht habe, hätte ich maximal auf meinen Bildschirm deuten können. Aber ein Bildschirm voller Tabellen beeindruckt niemanden.

Später war das anders. Wenn am Abend fünf Hochzeitstorten im Kühlschrank standen, musste niemand fragen, ob ich an diesem Tag etwas geleistet hatte. Ein Blick genügte.


Wirksamkeit lässt sich am Abend nicht in einen Kühlschrank stellen.

Heute arbeite ich wieder überwiegend mit Menschen. Ich begleite Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen. Und manchmal muss ich dabei an diesen Kühlschrank voller Torten denken.

Denn gute Führung hinterlässt selten etwas, das man fotografieren könnte.

  • Einen Konflikt, der rechtzeitig geklärt wurde.
  • Eine schwierige Entscheidung, die endlich getroffen wurde.
  • Eine Priorität, die drei weitere Probleme gar nicht erst entstehen ließ.
  • Einen Mitarbeiter, der geblieben ist.

All das ist hochwirksam. Nur lässt sich diese Wirksamkeit am Abend nicht in einen Kühlschrank stellen.

„Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum mich damals so viele Menschen um meinen Beruf beneidet haben. Nicht wegen der Torten. Sondern wegen des Gefühls, am Ende eines Arbeitstages mit einem einzigen Blick zu wissen: Hier ist etwas entstanden.“
Christina Krug

Vielleicht fällt es deshalb vielen Führungskräften so schwer, die eigene Wirksamkeit zu erkennen. Sie verbringen den ganzen Tag damit zuzuhören, Entscheidungen zu treffen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Konflikte zu moderieren oder anderen den Rücken freizuhalten. Wenn sie ihre Arbeit gut machen, entstehen oft keine spektakulären Geschichten. Projekte laufen. Teams funktionieren. Probleme eskalieren nicht. Und genau das ist ihre Leistung.

Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum mich damals so viele Menschen um meinen Beruf beneidet haben. Nicht wegen der Torten. Sondern wegen des Gefühls, am Ende eines Arbeitstages mit einem einzigen Blick zu wissen: Hier ist etwas entstanden.


Manchmal zeigt sich Wirksamkeit erst Wochen später.

Heute weiß ich, dass die wichtigste Wirksamkeit oft ganz anders aussieht. Man kann sie nicht fotografieren. Manchmal zeigt sie sich erst Wochen oder Monate später. In einem Team, das wieder miteinander spricht. In einer Führungskraft, die klarer entscheidet. Oder in einer Organisation, die Veränderungen nicht nur übersteht, sondern gemeinsam gestaltet.

Der Kühlschrank bleibt leer. Und trotzdem ist etwas entstanden.